Story 5

 

Geschichten 1

 

 

Kinder


Wenn ich die Reaktionen meiner Katzen mit den Aktionen der Kinder meines Bruders vergleiche, reagiert er immer etwas säuerlich. Er hat recht, das eine sind Menschen,
das andere Tiere.
Tatsache ist jedoch, dass ich keine Kinder habe und die beiden Katzen, einen für mich, vollwertigen Ersatz darstellen. Das letzte Mal beschwerte er sich, dass ich nur Geschichten über meine beiden Vierbeiner erzählen kann.
Leider fällt mir in Assoziation zu meinen Neffen, nur eine einzige Story ein.
Eine ganz typische Geschichte.

Eine Kinder - Horrorgeschichte.
Der jüngere meiner beiden Neffen hing noch als gut verpacktes Bündel herum.
Mein sadistisch veranlagter Bruder drückte mir, ausgerechnet mir, das Kleinkind bei einer unserer seltenen Begegnungen, zur Begrüssung in die Hände.

Es gibt da ein paar Kleinigkeiten, die er trotz meiner Proteste, böswilliger Weise, immer wieder  ignoriert.
Erstens schlafen mir bei der Berührung eines Säuglings sofort die Finger ein. Ich glaube das hat damit zu tun, dass ich im selben Augenblick vor Angst, vollkommen steif werde.
Entsetzliche Angst!

Angst, das Dings da, könnte hinunter fallen. Angst es könnte zu stinken beginnen. Kleinkinder stinken Ekel erregend. Ich habe dieses traumatische Erlebnis hinter mir.
Zweitens, weis jeder in unserer Familie, dass ein Kind, egal wie tief es schläft, in meinen Armen sofort zu schreien beginnt. Ein instinktiver Überlebensmechanismus.
Trotzdem, nimmt niemand meine Proteste ernst. Mein hilfloses Gestammel und die vorsichtigen Rückgabe versuche, werden mit nachsichtigem Lächeln, ignoriert.
Ich stakste deshalb steifbeinig im Garten meiner Eltern herum. Ein kreischendes Bündel auf meinem Arm. Im Ohr darüber, bereits massiver Tinnitus.
Geistesabwesend pflückte ich ein wenig Schnittlauch und kaute darauf herum. Das soll beruhigend wirken.
Mein Neffe wurde unnatürlich still und schaute mir mit grossen Augen zu.

Ich dachte immer, er sieht mich nicht. Plötzlich schlossen sich die kleinen dicken Finger blitzschnell um einen der Stengel. Ich reagierte natürlich viel zu langsam. Mit zahnlosem, triumphierenden Grinsen schob er sich ein Schnittlauchende in Mund und kiefelte darauf herum.
Ich habe noch nie zuvor ein Gesicht gesehen, das derartigen Ekel ausdrückte. Es schüttelte den gesamten Körper in meinem Arm. Die Augen ein schmaler Schlitz des Abscheus,
die Mundwinkel bogen sich fast bis zum dicken Hals hinunter. Langsam zog er den Schnittlauch zwischen den Lippen wieder heraus.
Irgend etwas, an meinem unterdrückten Kichern, muss ihn herausgefordert haben.
Im selben Moment öffnete sich der Mund und der Schnittlauch wurde ein zweites Mal hinein gestopft. .
Die gleiche faszinierende Reaktion, das selbe Gesicht. Der Kopf wackelte herum und die Geräusche beim schmatzen, klangen fast, als wollte er sich übergeben.

Mein Kichern bekam einen leicht hysterischen Unterton. Beim dritten Mal ächzte er schon im voraus. Es fiel ihm sichtlich schwer, den vor Ekel verzogenen Mund zu öffnen. Der inzwischen abgesabberte Stengel landete zuerst im Ohr, dann in der Nase, wo er grüne Flecken hinterließ. Der Mund war zu einem winzigen runden Loch zusammengezogen. Als Antwort auf mein entsetztes Ächzen saugte er ihn schließlich mit einem schmatzenden Geräusch ein. Die Freakshow begann von neuem.
Als er das Zeug ein viertes Mal hinein stopfen wollte, war ich zutiefst erschüttert und nahm dem Kind den Schnittlauch weg.
Das Bündel begann sofort zu brüllen.

Ohne weiteren Zeitverlust brachte ich ihn zu seinen Eltern und raste zum nächsten Computer. Über den Geisteszustand von Kleinkindern, gibt es dort genug zu lesen.
Inzwischen ist mein Neffe ein paar Jahre alt. Er hasst Schnittlauch wie die Pest und nimmt von seiner Tante nicht einmal ein Zuckerl an.
Gelernt hat er also doch etwas.
Zum Glück!

Copyright - Eva Winter