Story 4

 

Geschichten 1

 

 

 Klischee

Der Herbst ist eine wunderbare Zeit. Der Wald färbt sich zu traumhaft schönen Bildern, Nebelschwaden steigen aus Tälern .......
STOP! NEIN!
Es gibt nur eines das zählt:
Herbst ist Marktzeit.
Strassenmärkte, Flohmärkte, Punschmärkte, Ausverkauf...Märkte, Märkte, Märkte.
Alleine der Gedanke an diese viel zu kurzen Wochen lässt mich grunzen und sabbern.
Leider nicht nur mich.
Tausende andere Frauen ebenso.
Einschließlich meiner Mutter.
Sie ist meine Partnerin im Kampf um die günstigsten Stücke.
Manchmal braucht man Rückendeckung.
Offenbar ein Reflex aus der Urzeit.
Frau - sammelt Vorräte für den Winter.
Jedes Jahr wenn der Sommer zu Ende geht, fangen wir wie Jagdhunde an zu schnüffeln.
Ob die Luft schon nach Flohmärkten duftet.
Alle Werbeblätter werden überprüft. Inserate in Zeitungen studiert. Die Schränke und Laden durchforstet.
Sicherheitshalber.
Was fehlt uns? Was benötigt man, um einen langen kalten Winter zu überleben.
Im heurigen Jahr beschloss meine Mutter auf die Jagd nach einer Kaffeekanne zu gehen.
Auf dem nächsten Flohmarkt.
Ich fürchte mein Vater, hat uns nur dieses eine mal begleitet.
Er sah sah ab der Ersten Minute, so peinlich berührt aus.
Als meine Mutter und ich bereits hundert Meter vor dem Markteingang mit unserem Schlachtruf und dem Angriffstanz begannen.
Genüsslich stürzten wir ins Gewühl.
Anfangs, versucht man, alles zu sehen, Preise zu vergleichen, zu sondieren.
Distanziert, Eiskalt, berechnend.
Gleichzeitig hält man Ausschau nach den Objekten der Begierde.
Göttlich.
Für Stunden, der Rausch des Sammlers.
Noch Fünfzig Meter, vor uns lag das Ende des Marktes und eines herrlichen Tages.
In diesem Moment setzte Ernüchterung ein.
Wir hatten nichts gefunden. Nichts gesehen.
Keine einzige Kanne.
Wir hatten versagt. Diese Schmach war uns noch nie passiert.
Keuchend beschlossen wir, in einer kurzen Pause, zu beraten.
Die Augen meiner Mutter waren rot unterlaufen und hatten einen glasigen, irren Ausdruck.
Ich sehe ihr ähnlich.
Die Lösung, war schnell gefunden.
Kein Verzagen, kein Zögern. Es waren noch genügend Verkaufsstände übrig.
Mit wilder Entschlossenheit stürzten wir erneut ins Gewühl.
Zwanzig Meter vor dem Ende des Marktes hatten wir noch immer keine Kanne gefunden.
Die Augen meiner Mutter leuchteten in den Farben des Irrsinns und über mein Kinn lief ein dünner Speichelfaden.
Dann das Wunder!
Wir fanden eine Kanne: Na ja, nicht ganz passend, aber wir kauften Sie.
Endlich.
Unsere Gesichter, unser Verhalten, wurde wieder menschlich.
Wir hatten es geschafft.
Zwei Stände weiter. Stutzten wir.
Eine Kanne: Bunt gemustert, sie würde zu den alten Häferln passen.
Einen Stand weiter: Ein hübsches Stück. Diese Kanne passte überall dazu.
Daneben: Die Kanne auf die wir schon ein Leben lang gewartet hatten.
Links davon : Die Kanne der Erfüllung.
Gegenüber.............
Zum Glück,  griff in diesem Moment mein Vater ein.
Er packte uns am Kragen und zerrte uns trotz unserer spitzen Schreie,
aus dem Marktgebiet.
Wir konnten die zahllosen Einkaufssäcke kaum tragen.
Ich weis bis heute nicht, wie viele Kannen wir damals eingekauft haben.
Meine Mutter spricht nicht darüber.
Sie findet die Geschichte ein wenig peinlich.
Sie hat seither ihre Kaffeekannen – Sammlung und bei Ihren Freundinnen habe ich schön öfter eine bekannte Kannenform entdeckt.
Selbstverständlich war dieser Tag eine einmalige Entgleisung.
Frauen, sind beherrscht und vernünftig.
Sie sind Gattinnen und Mütter.
Trotz unserer Vorliebe für Flohmärkte, Lagerverkäufe und Schuhgeschäfte.
Davon war ich überzeugt.
Bis zu jenem Abend als ich im Fernsehen, Bilder über das Kaufverhalten von Frauen im Ausverkauf sah.
Diese gnadenlose Gier.
Dieses mörderische Verhalten.
Dieser irre Gesichtsausdruck.
Ich schluckte kurz und wechselte den Kanal.
Ich will nicht darüber nachdenken.
Wir fahren nächste Woche in ein Stofflager - Ausverkauf.
Ohne Männer.

Copyright - Eva Winter