Story 3

 

Geschichten 1

 

 

 Mitleid


Mitleid lässt Menschen Gutes tun. Die meisten Menschen.
Leider gibt es noch eine weitere Kategorie.
Jene Menschen, die aus Mitleid unsagbar dumme Dinge tun.
Ich gehöre zur zweiten Kategorie.
Leider!
Zum Glück, habe ich einen Freund, der zur ersten Kategorie gehört.
Meistens!
Ausser, ich überzeuge ihn. Von meinem Mitleid.
Dieser Fehler unterlief ihm zu Weihnachten vor einigen Jahren. Er hat ihn nur einmal gemacht.
Ganz am Anfang unserer Beziehung. In der ersten Euphorie. Zum Glück.
Damals wusste er noch nichts, von meiner fatalen Mitleidsneigung.
Wir gingen gemeinsam spazieren, um einen Weihnachtsbaum zu kaufen.
Abends!
Am dreiundzwanzigsten Dezember. Weil dieser Abend so romantisch war.
Weil ich es mir von Herzen gewünscht hatte.
Es war klirrend kalt, es schneite wie verrückt. Ein eisiger Wind häufte an jede Ecke kleine Schneewächten.
Wir gingen in den nahen Park. Dort war kaum Licht, alles tief verschneit.
Romantisch.
Der Christbaumverkäufer kam uns mit strammen Schritt entgegen.
Mir war unklar, wie er bei dieser Kälte noch gehen konnte.
Er drückte uns zwei gefüllte Stamperl in die Hand und ich wusste warum er sich bewegen musste.
Doppelt gebrannter Schnaps, lässt Menschen herumlaufen, vor Schmerzen.
Nach dem dritten Gläschen läuft man nicht mehr. Man spürt nichts mehr.
Ich nippte an meinem dritten Gläschen, inzwischen vollkommen betäubt.
Gleichzeitig entdeckte ich ihn .
Ihn, den armen, kleinen Weihnachtsbaum.
Er lehnte einsam und allein, am Hydranten nahe der Strasse.
So bedauernswert.
So allein.
Das Mitleid trieb mir Tränen des Schnapses in die Augen.
Man muss dem Verkäufer anrechnen, dass er uns mehrmals vom Kauf dieses Baumes abriet. Ein wenig halbherzig aber doch.
Gleichzeitig füllte er unsere Gläser neu.
Ich bin daher von seiner Ehrlichkeit nicht ganz überzeugt.
Die Vernunft meines Freundes war durch den Alkohol wahrscheinlich auch betäubt.
Nur so lässt sich erklären, warum wir das Bäumchen teuer bezahlten und nach Hause schleppten.
Der Verkäufer schloss hinter uns, laut singend, seinen Stand.
DAS, hätte uns zu denken geben müssen.
Daheim angekommen lehnten wir die Fichte an die Wand um sie zu bewundern.
Wir waren offenbar wesentlich betrunkener als wir dachten.
Der Baum schien sich in alle Richtungen zu neigen.
Gleichzeitig.
Das arme süsse Weihnachtsbäumchen.
Da so eine Verformung unmöglich sein konnte, beschlossen wir vorerst ein wenig zu essen.
Um nüchtern zu werden.
Damit wir ihn gerade in sein Kreuz einsetzen konnten.
Seltsam war während des Essens, dass die Wurst nach Hundepisse roch.
Ausserdem schien der Baum mit zunehmender Ernüchterung immer verkrümmter zu stehen.
Bevor die Fichte Brezelform annehmen konnte, begann mein Freund mit der Arbeit.
Er hackte, knurrte, klopfte und Sägte.
Nach dem dritten verbissenen Kürzungsversuch und etwa zwei Stunden Arbeit, gab er nur mehr undefinierbare Geräusche von sich. Das Bäumchen hatte sich erstaunlich verändert.
Von einer zwei Meter Fichte war er auf die passende Grösse für eine Pygmäen Familie geschrumpft.
Ausserdem wirkte es zerfledert, wie nach einem schweren Sturm.
Aber, es neigte sich nur mehr in zwei Himmelsrichtungen.
Ein Wunder.
Die Hände meines Freundes waren zerstochen und und der Stamm den er bearbeitete hatte, roch intensiv nach Hundepisse. 
Ich tröstete mich damit, dass die Wurst nicht gesundheitsschädlich gewesen war.
Wir versuchten dem erbärmlichen Gestank mit Waschen, lüften und diversen Sprays, Herr zu werden.
Es nützte nichts.
Wir haben in diesem Jahr den Weihnachtsbaum am 23. Dezember zur Christbaum- Sammelstelle - der Müllhalde gebracht.
Trotz meines Mitleids.
Seither hatten wir nie wieder einen Baum.
Vielleicht versuche ich es heuer noch einmal.
Ich werde nicht darauf bestehen.
Noch nicht.

Copyright - Eva Winter