Story 11

 

Geschichten 2

 

 

 Dachs   


  Ich hatte das Glück, einige Jahre, im Sommer in einem Kleingarten zu wohnen.
Seit damals liebe ich Pflanzen, einschließlich des Unkrauts.
Wer entscheiden kann, was wachsen darf und was ausgerupft wird, kennt dieses Gefühl.

Das Gefühl der Macht.


Ich stellte sogar Tröge auf die Terrasse, füllte sie mit bunten Blumen, um die Vegetation noch ein bisschen näher an meine Eingangstüre zu bringen.
Im Frühling hegte und pflegte ich den ganzen Tag und erfreute mich am Abend, an der gelungenen Komposition.
Eines Morgens konnte ich die Haustüre nur mit Mühe öffnen.
Erde und Pflanzenleichen türmten sich am Boden.

Jemand hatte in der Nacht meine teuren, frisch gesetzten Pflanzen gefressen.
Die ungenießbaren Blumen einfach ausgerissen und mitten in dieses Gemetzel ein Häufchen gesetzt.
Mit lautstarkem Schimpfen beseitigte ich den Schaden.
Ein netter Nachbar meinte: „Das wird ein Dachs gewesen sein.
Er scheint hier sein neues Revier zu haben." 
Das war also der Feind.
Ein Dachs.
Nun hatte er einen Namen.
Der Verbrecher.
Ich füllte meine Tröge neu. Erfreute mich an den hübschen Blumen.

Laut Verkäufer alles ungenießbare Sorten.
Leider eine Fehleinschätzung.
Nach der zweiten Verwüstung, steckte ich Nägel, mit den Spitzen nach oben in den Trog und  wünschte dem verdammten Dachs, eine Blutvergiftung an die gierigen Pfoten.
Tage später das gewohnte Bild.

Der Nachbar lächelte nur mitleidig und wies auf die Büsche in seinen Trögen.


Meine Flüche, hetzten dem Biest:  Haarausfall, Darmverschluss und die Krätze, an Stellen an denen er sich nicht kratzen konnte, an den dicken Hals.
Zur Sicherheit, beschloss ich den Rachefeldzug auch selbst in die Hand zu nehmen.
Ich hatte die Tröge gekauft und ich wollte sie nicht mit Büschen, sondern mit Blumen füllen.
Ich beschloss ein letztes Mal, einen Köder auszusetzen. Zarte kleine Gewächse, in herrlichen Farben. Dahinter, auf der Bank, im Schatten des Hauses,

hockte ICH und wartete auf IHN.
Um ihn auf frischer Tat zu stellen, den Verbrecher.

Weitere Vorgehensweisen wollte ich mir beim Warten überlegen.
Nach einem feinen Abendessen, dem zweiten Glas Wein, war da noch immer kein Verbrecher und leider auch kein Plan.
Aber einige sehr erheiternde Vorstellungen, wie ein Dachs mit Krätze am Hals, wohl aussehen würde.
Der milde Abend war herrlich und ich wollte schon kapitulieren,
als es im Gebüsch des Nachbarn plötzlich leise raschelte.
Du lieber Himmel, er war wirklich gekommen?
Ich wurde panisch. Kein Plan! Keine Idee!
Wie stellt man einen Verbrecherdachs? Wie groß wird so ein Dachs?

Haben Dachse Tollwut?
Plötzlich, blieb keine Zeit mehr, um zu überlegen.
Das Rascheln kam meinen Trögen immer näher.
Dann sah ich ihn mit einem Mal, den Feind.
Wenige Meter vor mir, hockte er im Gras.
Ich hatte ihn mir kleiner vorgestellt.

Gedrungener Körper, mit einem hellen Streifen, buschiger Schwanz.
Kurze dicke Beine.
Die folgende Aktion kann ich leider nicht auf den Wein schieben, so viel hatte ich nicht getrunken.
Ich sah in meiner Erinnerung die Unzahl kaputter Pflanzenleichen.

Hörte sein genüssliches schnüffeln und schmatzen.
Mein Zorn ballte sich zusammen, und ohne weiter nachzudenken sprang ich mit infernalischem Gebrüll nach vorne, auf den Dachs zu.


Meiner Lunge ging schlagartig die Luft aus.
Da stand ich nun,
planlos,
wie die Karikatur eines angreifenden Bären.
Mit gespreizten Beinen und seitlich hoch erhobenen Armen
und wusste nicht mehr weiter.
Vor mir am Boden, der Dachs.
Bei meinem Gekreisch, hatte es ihm alle vier Beine buchstäblich weggerissen und so lag er nun am Bauch und blinzelte zu mir hoch.
In der ersten Stille, hörte ich noch ein leises Seufzen,

wie einen letzten Atemzug und ich dachte:

„Verdammt jetzt hat ihn der Schlag getroffen!
Was mache ich mit dem Kadaver?“

Aber nein, die kleinen Knopfaugen zuckten zum Glück  und der Ausdruck darin war fast menschlich:

„Verdammt ein übergeschnapptes Weibchen!
Wenn ich mich weiter tot stelle, beißt sie mich dann?

 Hat sie Tollwut?“

Diese Überlegungen und die eigenwillige Haltung, in der ich noch immer herum stand
waren schließlich zu viel.
Ich begann lauthals zu lachen.

DAS war dem Dachs zu viel.
Er wirbelte herum und verschwand im Gebüsch.


ER, hat mir seither keine Pflanzen mehr ausgegraben.

Lediglich die Nachbarn, reden nur mehr sehr vorsichtig mit mir.
Auf einer bunten Terrasse, kann ICH damit leben. 

Copyright - Eva Winter