Story 1

 

Geschichten 1

 

 

 Kunst    


Es ist Herbst, die Tage sind kurz und grau.
Feucht, kalt und finster. Eine dunkle Zeit. Die Zeit meiner Geburt. Mein Freund liebt die Wärme und die Sonne. Ich mag diese düstere Zeit.
Das leise Gruseln, wenn es Tag und Nacht nieselt.
Trotz meiner Winterdepression.
Mein Freund meint, ich wäre seltsam. Weil ich diese Zeit mag. Trotz meiner Winterdepression. Trotz der Finsternis draussen.
Meine Erklärungen waren im zu dürftig.
Drinnen in der Wärme, gibt es jede Menge Deckenfluter, das tröstet.
Das Backen von Keksen bringt einen Hauch von Weihnachtsstimmung.
Wenn der Gang nach Zimt und Vanille duftet, sind die schnüffelnden Nachbarn erheiternd.
Es gibt so viel Positives in jener Zeit. Zum Beispiel, die vielen Herbstmärkte, die Weihnachtsmärkte, den Punsch.
Zu Halloween ist das Erschrecken der kleinen Kinder ein echter Spass und auch die masochistische Ader kann befriedigt werden.
Man muss sich nur ein paar Gedanken bezüglich der Weihnachtsgeschenke machen.
Der Herbst ist somit die ideale Zeit um sich zu verwirklichen.
Künstlerisch zu verwirklichen.
Ich male in meiner Freizeit. Dazu gehört ein wenig Übung. Vor allem dann, wenn man Gesichter malen möchte.
Leider war bei meinen ersten Versuchen keine der Zielpersonen erkennbar.
Weder punkto Frisur, Körperformen oder Kleidung.
Vom Gesicht nicht zu reden.
Deshalb beschloss ich zu üben.
Das ist gar nicht so einfach, wie man glauben möchte.
Haben Sie schon einmal jemandem in der Strassenbahn betrachtet?
Intensiv?
Zu Übungszwecken?
Menschen sind bezüglich ihrer Nasenhaare, Warzen oder Pustel erstaunlich heikel.
Die Reaktionen der Leute sind befremdlich und manchmal sogar aggressiv. Daher war meine Beobachtungsphase sehr, sehr  kurz.
Ich versuchte andere Übungsobjekte zu finden.
Eines Tages stand ich entspannt im Bad. Am morgen. Eigentlich ein Widerspruch in sich. Aber am Wochenende ist so etwas durchaus möglich.
Mangels geeigneter Objekte beschloss ich mich selbst zu malen. Vorzugsweise nach einer Fotografie.
Die ersten Fotos waren rasch gemacht.
Bei der Ansicht der selben, am Computer, war ich entsetzt.
Alle Grässlich.
Grässlich, langweilig und erschreckend fade. Ich sehe in der Realität nicht so aus.
So wenig apart; so gewöhnlich. So durchschnittlich.
Es ist grausam wie sehr das Selbstbild von der Realität eines Fotos abweicht.
Dem ersten Schock folgten ein paar schlucke Wein und die Verbesserungsidee.
Abwechslung heisst das Zauberwort.
Also schnitt ich bei der zweiten Fotoserie ein paar kleine Grimassen.
Bei der Ansicht dieser Bilder, am Computer, ist dann möglicher weise irgend etwas passiert.
Einige Stunden später fand mich mein Freund im Arbeitsraum, hilflos kichernd, Tränen überströmt, keuchend,  vor Lachen vor dem Computer.
Er sah sich die Bilder nur einmal an.
Teilweise.
Er fand sie gruselig.
Seither tätschelt er mir zwischendurch manchmal die Hand. Heute morgen habe ich eine Liste von Therapeuten gefunden.
Auf dem Frühstücktisch.
Möglicher weise hat er mich gestern Abend gehört. Als ich wieder mal vor dem Computer sass und mir die Bilder ansah.
Brüllend vor Lachen.
Heute habe ich beim Fernsehen eines davon gezeichnet .
Zu Übungszwecken.
Eines jener Bilder, bei denen ich versuchte, mich selbst zu erwürgen.
Mir ist bis heute schleierhaft, wie ich es mit den Zehen geschafft habe den Auslöser zu drücken.
Mein Freund starrte zuerst auf das Bild, dann auf mich.
Stand mit den Worten , „Jetzt machst du mir Angst.“ auf und ging schlafen.
Habe ich schon erwähnt, dass er ein bisschen empfindlich ist?

Sollte jemand dieses Experiment wiederholen wollen, empfehle ich trotzdem sicherheitshalber einige Dinge zu beachten:
Die Vorhänge sollten geschlossen sein. Sehr wichtig für die Zeit danach.
Keine gekippten Fenster. Ich höre immer meine Nachbarn schnaxeln. Meistens sind die Geräusche für einen Aussenstehenden, nicht ganz so anregend wie man glauben sollte.
Ausreichend Licht ist von Vorteil. Siehe Deckenfluter.
Sowie: Platz zum Herumwälzen,
ausreichend Taschentücher für Lach- oder Frusttränen, je nach Bedarf.
Eine Flasche Rotwein ist auch nicht zu verachten.
Weiters sollte man Waffen oder Stricke vorsorglich wegräumen.
Es soll im Suff schon unbeabsichtigten Suizid gegeben haben.

Der Rest ist einfach Spass

Copyright - Eva Winter